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Herr D. und Aida

Seitenblick

Von Hans W. Korfmann

Herr D. war einmal ein leidenschaftlicher Briefeschreiber. Einer, der mit Stift und Papier kommunizierte. Doch seit der Erfindung der Email antwortete niemand mehr auf seine Schreiben. Stattdessen erhielt er immer mehr Emails von Menschen, die er gar nicht kannte. Die meisten Schreiben waren lästig wie die Werbung, die früher den Briefkasten verstopfte. Aber manchmal war etwas Interessantes dabei. So wie kürzlich diese Email aus Österreich, in dem eine zukünftige Rentnerin noch einen Reisebegleiter suchte.

Die zukünftige Rentnerin hatte sich ausgerechnet, dass sie etwa 65 Euro am Tag sparen würde, wenn sie ihren Lebensabend nicht in einem Altersheim verbrachte, sondern auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Kabine auf hoher See kostete bei einer Langzeitreise für Rentner lediglich 135 Euro pro Tag - das Bett im Rentnerhaus laut österreichischer Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat etwa 200 Euro.

Hinzu kam, dass man auf dem Schiff nicht wie ein lästiger und überflüssiger Rentner, sondern wie ein gutzahlender Gast behandelt wurde, der zur Erhaltung der Kreuzschiffahrt sein Scherflein beitrug. Das Frühstück könne man sich, wie im Altersheim, vom Roomservice auf die Kabine bringen lassen, doch die Stewards würden dabei ausgesprochen höflich sein. Jeden Tag gäbe es frische Seife, ein frisches Handtuch, frische Bettwäsche, wenn die Heizung nicht funktionierte reichte ein einziges Klingeln, und sofort würde jemand erscheinen und sich entschuldigen. Sie habe, so die zukünftige Rentnerin, auch "noch von keinem Fall gehört, bei dem zahlende Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes vom Personal bedrängt oder gar misshandelt worden wären", was bei Pflegeheimen "nicht im gleichen Umfang" zuträfe.

Außerdem könne man auf der Reise über die Meere alle acht oder vierzehn Tage neue Leute kennen lernen, die Fluktuation wäre wesentlich größer als im Altersheim. Statt der Badewanne gäbe es einen Swimmingpool, statt dem Bett einen Liegestuhl in der Sonne, und wenn es kühl würde an Deck, legten freundliche Stewards einem eine Decke über die Knie. Abends säße man mit fröhlichen Passagieren im großen Saal und sähe die täglich wechselnden Showeinlagen, und wenn das lustige Leben auf See einmal langweilig würde, dann ging man eben von Bord, lief ein bisschen durch die Altstadt von Santa Cruz. Dann setzte man sich in ein Cafe, holte den Federhalter aus der Tasche und schrieb an die arme, daheimgebliebene Verwandtschaft.

Die Idee, durch die Welt zu reisen und Postkarten zu schreiben, gefiel Herrn D. so gut, dass er augenblicklich antwortete. Etwa eine halbe Stunde später schrieb die künftige Rentnerin, er sei herzlich willkommen. Und sie seien bereits so viele, dass sie den Kutter chartern müssten. Was die Sache noch etwas günstiger mache.

Frankfurter Rundschau - 2005
© Hans W. Korfmann

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