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Händlerin des Kults

Ostern zieht sie die Pilgerreisenden wieder an: Die Äbtissin Evgenia Kleidara vermarktet auf Lesbos den Heiligen Raphael - und sich selbst

Von Hans W. Korfmann

foto: © Hans W. Korfmann
Jährliches Spektakel: Klosterfrau Kleidara trägt die Reliquien
des Heiligen Raphael zur Schau – von einer Ehrengarde flankiert.
foto: Hans W. Korfmann

Da kommt sie, längst schon eine Legende, fast schon ein Phantom. Eine charismatische Gestalt hat sie nicht, kein Gandhi und keine Mutter Theresa - sie ist ein altes, kleines Mütterchen. Gesenkten Hauptes, langsam, unscheinbar, friedlichwie eine bebrillte Schildkröte aus einem Trickfilmer scheint sie im Klosterhof. Nur die klassisch-griechische Nase sticht aus dem Unschuldsgesicht wie dieWaffe eines Raubvogels.
Stundenlang haben die gläubigen Besucher unter der heißen Frühlingssonne der Insel Lesbos gewartet. Hunderte sind es, die sich im engen Hof des Klosters Agios Raphael drängen, um ein Foto zu knipsen, wenigstens einen Blick zu erhaschen auf die kleine Gestalt der Evgenia Kleidara, die alle „Heiliges Mütterchen“ nennen, und die sich ganz vom weltlichen Leben abgewandt hat, weder in Zeitungen noch im Fernsehen erscheint.
Doch einmal im Jahr tritt sie leibhaftig vor die Massen: Am Dienstag nach dem griechisch-orthodoxen Osterfest erweist das Kloster in der Nähe der Inselhauptstadt Mytilini seinem Namensgeber die Ehre, und die Äbtissin trägt des Heiligen Raphael unsterbliche Überreste in einer großen Prozession einmal rund um den geweihten Boden. Die Reliquien ruhen auf einem roten Samtkissen, verborgen unter einer reich verzierten Silberhaube. In diesem Jahr fällt das Osterfest auf den 23. April, und wahrscheinlich wird die Zeremonie ganz ähnlich ablaufen wie im vergangenen Jahr.
Dem Märtyrer und seiner Bewahrerin ist der unaufhaltsame Aufstieg des Klosters Agios Raphael zu verdanken. Innerhalb eines halben Jahrhunderts wurde es zu einem der bedeutendsten Ziele des griechischen Pilgertourismus, mitten in der in der Eintönigkeit der Olivenhaine des Dorfes Thermi. Raphael, der einst als Mönch hier gelebt haben soll, gilt als derzeit populärster unter den Märtyrern. Die unchristlichen Türken aus Kleinasien, so die Legende, hängten ihn vor 545 Jahren kopfüber an einen Baum, wo sie ihm zuerst den Unterkiefer und dann den Kopf abschlugen. Man weiß das alles noch sehr genau, zu viel haben die Griechen unter den Türken gelitten, um zu vergessen. Auch die Äbtissin des Klosters, Evgenia Kleidara, erzählt gerne vom Märtyrer Raphael. Sie hält die Erinnerung an ihn am Leben, denn viele Menschen suchen ihn.

300 Pritschen für die Pilgerfahrer

Im Sommer rollen voll besetzte Reisebusse die frisch asphaltierte Straße zum Kloster hinauf, an denWochenenden ist der Parkplatz auf dem Dach der Pilger-Herberge mit ihren 300 harten Pritschen hoffnungslos überfüllt. Vor dem Sarkophag des neuen Heiligen stehen die Pilger Schlange und schlagen ihr Kreuz beim Anblick der vielen Krücken all jener, die plötzlich wieder laufen konnten und ihre Stöcke gleich in der Kirche stehen ließen.
Seit die Kunde vomheilenden Raphael die Runde macht, glauben auch die Exilgriechen in Deutschland und in den Staaten an ihn. Manchmal kommen sie vom andern Ende der Welt, um wenigstens eine Kerze angezündet zu haben, wenn es einmal schlechter gehen sollte mit der Gesundheit, und um eines der Wunder-Bücher zu erstehen, an denen Evgenia Kleidara emsig schreibt. Inzwischen ist sie bei Band 45 der „Neuen Wunder von Agios Raphael“ angelangt. Stapelweise gehen die Werke der Äbtissin über den Verkaufstisch des Klosters.
Evgenia Kleidara ist das letzte Bindeglied zwischen Raphael und dem gläubigen Volk. Noch vor 50 Jahren sprach man im ganzen Dorf von diesem Mönch, der den Menschen in Thermi ständig im Traum erschien und darum bat, man möge endlich seine Gebeine ausgraben und regelgerecht bestatten. Erst als im September 1959 beim Bau einer kleinen Kapelle die alles bewegenden Knochen gefunden wurden, verschwand der Mönch allmählich aus den Träumen der Menschen. Nur die Äbtissin Kleidara träumt bis heute von ihm, sagt sie.
Sie hat ständigen Kontakt, auch tagsüber. In ihren Büchern beschreibt sie, wie sie ihm zum ersten Mal begegnete, wie er ihren Namen rief und „plötzlich seinen Schäfermantel
öffnete“ und sie „zu Tode erschreckte“, als sie sah, „dass er nur ein Skelett war!“ 40 Jahre später allerdings haben die beiden ein vertrautes Verhältnis zueinander. Er steigt
schon einmal zu ihr ins Auto und sagt, sie solle nicht nach Gera fahren, sondern auf der Stelle umkehren. Er kümmert sich um die alten elektrischen Leitungen, er weckt sie des Nachts, wenn ein Feuer im Kloster ausbricht oder eine Nonne erkrankt. Er ist immer da, wenn etwas passiert, und die Bestsellerautorin Kleidara auch. Sieben Millionen Rapael-Bücher soll sie verkauft haben.
In Thermi allerdings hat mancher so seine Zweifel an dem Paar. Pagonis, der Fischer, erinnert sich noch daran, wie die junge Äbtissin eines Tages an der Straße stand und ihn anhielt, als er mit seinem knatternden Moped vorbeikam: „Weißt Du, wo ich ein Haus mieten kann?“ - „Das Haus vom Lehrer ist frei!“, sagte Pagonis. „1961 oder 1962
muss das gewesensein. Die wusste schondamals genau, was sie wollte...“
„Die wollte Geld machen, sonst nichts", mischt sich ein Hirte ein. „Die wusste, dass sich unsere Wunder gut verkaufen lassen!“

Prominenter Besuch an Ostern

Evgenia Kleidara selbst schreibt, sie habe schon auf der fernen Insel Chios von Raphael geträumt. Kaum habe sie den mystischen Ort betreten, da sei er auch schon aufgetaucht: „Du wirst keine Kirche für Magdalena bauen, du wirst ein Kloster für mich bauen.“ Drei Jahre nach dem Fund der Knochen wurde Evgenia Kleidara vom Bischof von Mytilini zur Äbtissin eines Frauenklosters namens Klosters Agios Raphael berufen. Zu Recht. Sie hatte die Ärmel hochgekrempelt, ihren wohlhabenden Vater überredet, ihr Geld zu geben, und verhandelte mit den Bauern über ein Stück vom Berg. Als die sich sträubten, erschien ihnen Raphael und sprach ein Machtwort. Heute gibt es keine Kirche auf Lesbos, die nicht eine Ikone des neuentdeckten Heiligen beherbergt, keinen Hafen, in dem nicht ein Schiff seinen Namen trägt. Ohne die Äbtissin wären die Geschichten um Raphael vielleicht bald wieder vergessen gewesen.
So aber machen am Dienstag nach Ostern Politiker und Prominente dem Kloster ihre Aufwartung. Der Bischof von Lesbos hält die Messe, und das Militär bedankt sich mit Blasmusik für denÜberwachungssatelliten, den Kleidara zur Beobachtung der feindlichen Küste spendiert hat. Bis die lebende Legende wieder im Kloster verschwindet. Um sich an ihren Schreibtisch zurückzuziehen, vor ihren mit Weihwasser besprühten Computer, und über die neuen Wunder von Agios Raphael zu berichten.

KurzBiographie
Seit die Äbtissin die Kunde vom heilenden Raphael verbreitet, reisen Wundergläubige aus aller Welt an. Die Biographie der Evgenia Kleidara ist ein Gemisch aus Fakten und Legenden. Geboren wurde sie wohl 1931 als Irini Kleidara in Plomari, einem Dorf an der Südküste von Lesbos (Mytilini). Sie studierte in Athen Philologie und Theologie. Als Äbtissin steht sie seit 1962 dem Kloster Agios Raphael vor. Die Erfolgsautorin Kleidara hat inzwischen mehr als 150 Bücher veröffentlicht, darunter Gedichte, religiöse Werke und Erzählungen mit Titeln wie „Valentina findet Gott in einem Buch“ oder „Liebe, die größte Macht auf Erden“. Die Liste der Ehrungen, die ihr zuteil wurden, ist sechs Seiten lang, darunter sind so skurrile Titel wie „Frau des Jahres 1994“ des American Biographical Institute.

Frankfurter Rundschau - 2006
© Hans W. Korfmann

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