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Fahren Sie bloß nicht ins...

...Dalí-Museum nach Figueres
Sie sind Salvador Dalís Verrücktheiten auf der Spur? Leider werden Sie in Figueras nur den Besuchern seines Museums näher kommen. Es sind jedes Jahr Hunderttausende.

Sie ist mit dem Zug von Barcelona aus nach Figueras gefahren, in Salvador Dalís Heimatdorf. Sie will sein Museum sehen. Nach knapp 90-minütiger Fahrt durch ländliche Gegend mit Feldern und Burgen und spanischen Dörfern passiert der Zug Parkplätze vor Lagerhallen und Schrebergärten, deren Zäune aus alten Bettgestellen, morschen Brettern und rostigem Maschendraht improvisiert wurden. Figueras.
Kaum ausgestiegen, blickt die junge Frau auf der Suche nach dem Genie Salvador Dalí tatsächlich in ein bekanntes Gesicht. Sie hat diesen gut gekleideten jungen Herrn an der Wand des Bahnhofsgebäudes schon einmal irgendwo gesehen, vielleicht in einer der Biografien oder in einem der beiden Kataloge, die sie bei sich trägt. Aber als der Blick auf das rote H&M und den Rollkragenpullover fällt, wird ihr klar: Nix Dalí: Der gleiche Mann und der gleiche Pullover hängen auch zu Hause in ihrer Straße.
30 Minuten Wartezeit auf der Placa Gala-Salvador Dalí. "Eine halbe Stunde ist doch gar nichts", verkündet stolz ein Mann, der lächelnd die Billetts am Eingang abreißt. "Manchmal reicht die Schlange bis zur nächsten Straße!" Er spricht inzwischen deutsch, englisch und italienisch. Sieben Tage hat die Woche im Museum.

 
 
fotos:  Michael Hughesfotos:  Michael Hughes
fotos: © Michael Hughes

Im Hof des im Bürgerkrieg zerstörten Provinztheaters, das sich Herr Dalí eines Tages aneignete und einrichtete, da ihm der Gedanke nicht behagte, posthum von ebenso ernst gesichtigen wie dilettantischen Kunsthistorikern in einen langweiligen Bildersaal gehängt zu werden, herrscht babylonisches Sprachengewirr und Konfusion. Gleich am Eingang, wo der Künstler den Neugierigen einen blank polierten Cadillac entgegenstellt, auf dessen Kühlerhaube sich eine überdimensionale Galionsfigur reckt, sind die männlichen Besucher gleichermaßen fasziniert wie irritiert. Dass der Mann mit dem markanten Schnurrbart zum Übertreiben neigte, hat sich herumgesprochen, aber derart große Titten haben sie in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet. Schneller, als Mutti sie am Ärmel weiterziehen kann, haben die Männer ihre Kameras in Position gebracht. Keiner widersteht der Versuchung.
Dann suchen sie den Schlitz. Sie haben gelesen, dass man mit 25 Pesos im Innern des Wagens eine Dusche in Betrieb setzen kann. Aber niemand findet den Geldschlitz. Deshalb schleicht man sich nun vorsichtig an das Kunstwerk heran, schielt nach den Türgriffen, untersucht die Kühlerhaube. Am Ende stecken alle ihre Nasen durch das Seitenfenster, die Reisegruppe aus Bielefeld, die quirligen Italiener und die Amerikaner, die ihre Nase immer überall hineinstecken müssen. Auf dem Rücksitz sehen sie Plastikblumen aus den Sitzen wachsen und saugen andächtig den feuchten Muff durch die Nüstern. So führt Herr Dalí seine Besucher an der Nase herum.
Obwohl jeder den kleinen Museumsführer in der Tasche hat. Auch die junge Frau, die im Zug von Barcelona nach Figueras kam, weiß genau Bescheid. Kaum einer betritt das Museum ohne die nötige Gebrauchsanweisung. Schade, denkt sich Dalí, der an der Decke des Theaterfoyers mit seiner geliebten Gala längst in den Himmel gefahren ist und seinen Bewunderern nichts als ein paar große, nackte Füße entgegenstreckt. Eigentlich hatte er die Menschen in seinem Theater mit den Spiegelkabinetten und Gucklöchern und all den kleinen Sinnestäuschungen überraschen und verwundern wollen. Jetzt steht alles schon im Führer.
Wunderlich geblieben sind aber die Besucher. "Also, ich finde ihn eigentlich ziemlich ordinär", wagt die Gattin einen Einspruch, als ihr Mann mit der Nase schon an der Glasscheibe klebt, um eine Venus zu studieren. Es ist etwa der fünfzigste Akt von Gala, sie wendet dem Betrachter den Rücken zu und hat ein Bein aufregend weit von sich gespreizt.
Wenig später steht das Paar vor der lebensgroßen Figur einer nackten Frau in einer Vitrine. "Schamlos, finde ich jedenfalls!" "Stimmt!", sagt der Gatte und lässt den Blick vom Bauch des Kunstwerks abwärts gleiten. "Ich habe im ganzen Museum noch kein einziges Schamhaar gesehen."
Auch die Frauen einer amerikanischen Reisegruppe sind von der ständigen Präsenz der nackten Gala irritiert. Plötzlich aber begegnet die Gruppe dem Bildnis einer völlig fremden Frau. Und auch sie ist vollkommen nackt. "Ich dachte, er hätte nur eine Frau gehabt!", entrüstet sich eine Dame mit erstaunlich hochgesteckter Haartracht. Ihr Führer, der ständig etwas von "Dalli" oder "Delli" erzählt, nimmt vor einem abstrakteren Werk die Lehrerpose ein: "Sehen Sie sich das einmal genau an! Sehen Sie sich einmal diese Stelle an!" Aber keine der Damen ist an Abstraktem interessiert.
So ziehen sie durch das "Theater-Museum- Dalí", rätseln, kneifen vor kubistischen Bildern die Augen zusammen, stehen vor dem Münzautomaten, mit dem man die Figur im Schaukasten in Bewegung setzen kann, und blicken sich um, ob nicht vielleicht doch noch jemand vor ihnen die 25 Pesos einwerfen könnte. Sie stehen Schlange vor der Treppe, die zu einem Kamel führt. Sie möchten durch die Linse blicken, die Dalí für sie unter dem stattlichen Wüstentier aufgehängt hat, um sich da oben in seinem Himmel zu amüsieren, wenn dort alle dem Kamel zwischen die Beine sehen wollen.
Beim Anblick der Japanerin, die mit geschlossenen Augen auf der Bank vor dem gewaltigen Ehebett von Napoleon III sitzt, neben dem das vergoldete Skelett eines Orang-Utans wacht, würde er die Augenbraue wahrscheinlich hochziehen. Denn sie ist nicht etwa vor dem Kunstwerk in Meditation verfallen, sondern ihrer Müdigkeit erlegen. Da betritt die Gruppe aus Bielefeld den Raum, man kichert. Ein wohlbeleibter Herr beginnt, eine Anekdote aus seinem Leben zu erzählen. Nach der Pointe ertönt schallendes Gelächter, die Japanerin erwacht wieder, und die Dalí-Kennerin mit den beiden Katalogen unter dem Arm verlässt verärgert den Raum mit dem Orang-Utan, den Bielefeldern und der Japanerin.
Wenig später steht sie verloren zwischen eierförmigen Dalíkerzen in Dalíeierkartons, den Kalendern und Notizbüchern mit Dalís zerfließender Uhr, zwischen den Bleistiften und Radiergummis und Tassen und Tellern mit Dalís Ameisen und den T-Shirts mit der nackten Gala von vorne und von hinten. Gala im Ausverkauf. Es gibt nur diesen einen Ausgang aus Dalís Reich der Sinne, und der führt durch den Museumsshop.
Die Frau mit den Katalogen, die nicht wegen der Sonne, sondern wegen Salvador Dalí nach Spanien gefahren ist, nimmt endgültig die Brille von der Nase. Sie wird ohne Andenken heimkehren. Auf dem Bahnsteig wirft sie dem netten Mann von H&M noch einen letzten, verschwörerischen Blick zu und verschwindet für immer aus Figueras.

Sag’s mit Dalí!
Salvador Dalí liebte die Provokation. Nicht nur in der Malerei. Wenn er sich zu Wort meldete, stieß er seine Liebhaber gerne vor den Kopf.
Zur Politik: "Politik hat mich noch nie interessiert. Ich finde sie anekdotisch und erbärmlich."
Zum Essen: "Ich liebe Koteletts, und ich liebe meine Frau. Ich sehe also nicht, warum ich nicht beides zusammen malen sollte."
Zu seiner Frau: "Gala ist wie eine Wespe. Sie kommt, sticht und fliegt wieder davon."
Zum Orgasmus: "Der Orgasmus ist bloß ein Vorwand. Der eigentliche Genuss rührt von den Bildern her."
Zur Liebe: "Ich liebe Gala mehr als Vater und Mutter, mehr als den Ruhm und sogar mehr als das Geld."
Zum Geld: "Ich lasse mein Gold zu Zwecken der Unsterblichkeit köcheln."
Zur Religion: "Ich bin katholisch, aber ohne Glauben."
Zu Gott: "Man kann nicht mit ihm reden!"
Zu Salvador Dalí: "Der Unterschied zwischen einem Verrückten und mir ist, dass ich verrückt bin."

Frankfurter Rundschau - 2001
© Hans W. Korfmann

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