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Auf Durchreise im Hinterhof

 
 

Seit 20 Jahren gibt es in Berlin-Kreuzberg das Hotel Transit, ein Kollektiv mit treuen Gästen. Hier fühlen Punker, Lehrer und Rucksacktouristen sich wohl. Die Leningrad Cowboys waren auch schon da

von Hans W. Korfmann

Unauffällig hängt das breite Schild über der Einfahrt zwischen der Kerzenwerkstatt und dem hell beleuchteten Zeitungskiosk. Durch einen schmucklosen Lieferanteneingang geht es dann in einen Gewerbehof, in dem auch Helmut Friebel mit seinem Eisbedarf und ein Lampenschirmmacher residieren. Ein alter Lastenaufzug mit Musikberieselung führt einen schließlich zur Rezeption im vierten Stock. Das Transit in der Hagelberger Straße in Berlin-Kreuzberg ist ein gut versteckter Geheimtipp. Nachts versperrt ein heruntergelassenes Gitter den Zugang, weshalb viele Gäste denken, sie hätten sich in der Adresse geirrt – bis sie die Klingel entdecken, mit der sich eine Seitentür öffnen lässt.

»Gibt’s heute nicht was mit George Clooney im Kino?«, fragt einer an der Rezeption. Albert, der Schwabe, der seit 14 Jahren vor dem schwarzen Schlüsselbrett sitzt, schüttelt den Kopf und wirft dann doch noch einen Blick ins Internet. »Berlin hat 140 Kinos«, sagt er, aber in keinem laufe heute ein Clooney-Film. In der Sofaecke neben seinem Tresen sitzen Dänen und freuen sich darüber, dass die Flasche Wein im Hotel nur elf Euro kostet. Drei Punkerinnen mit riesigen Silberringen im Ohr tragen Bierflaschen auf ihre Zimmer.

Es gibt auch gediegenere Gäste im Transit, die für ein Wochenende zu zweit kommen oder für ein paar Tage Berlinurlaub. Manchmal hat einer eine 20 Jahre alten Visitenkarte des Hotels in der Hand. Stammgäste sind natürlich auch da. Gerhard Böhm zum Beispiel, der zur Überraschung des Personals gestern mit seiner Frau am Frühstückstisch saß, nachdem er jahrelang nur mit Schülergruppen angereist war. Oder der andere Lehrer, dessen Sohn nun auch Lehrer ist und auch jedes Jahr kommt. Oder der Mann aus Wien, der die Transit-Leute so oft zu sich einlud, dass sie eines Tages wirklich gefahren sind.

Das Transit liegt ja auch ganz nah an allem: an der Friedrichstraße, am Potsdamer Platz, am Regierungsviertel, am Jüdischen Museum. Die Hotelbar ist 24 Stunden geöffnet und hat einen Ruf zu verlieren: Hier haben kurz nach der Wende die Leningrad Cowboys aus Finnland die ganze Nacht gebechert, bis sie auf den Stühlen eingeschlafen sind.

Begonnen hat die Geschichte des Hotels Transit mit der Pension Engelbrecht, einer dieser typischen Berliner Etagenpensionen, die auf einem oder zwei Stockwerken Zimmer vermieten. Dort hat Isa Hanning als Studentin geputzt. Eines Tages wollte der Besitzer verkaufen. Da rief Isa zwei Freunde an und fragte, ob sie Lust hätten, eine Pension zu übernehmen. Als Kollektiv natürlich. Man lebte in den Siebzigern.

Natürlich regte sich Widerstand gegen die langhaarigen Studenten

Ulli Schleimer studierte damals noch Anglistik in Bonn, hatte aber Interesse. Jörg Noll war mit seinem Medizinstudium gerade fertig. Also verschönerten sie die Einrichtung mit ein bisschen Ikea, machten Frühstück und nannten das Ganze Pension Kreuzberg. Später mieteten sie noch das Steps dazu, die Kneipe mit den drei Stufen ins Souterrain. Es dauerte nicht lange, bis sich die ehemalige Absteige für Monteure unter Rucksacktouristen herumsprach. Als die Etage zu klein wurde, fand das Kollektiv den Gewerbehof in der Hagelberger Straße.

Natürlich regte sich Widerstand gegen die langhaarigen Studenten, die »ein Jugendhotel« eröffnen wollten, wie sie das nannten. Die Interessengemeinschaft Mehringdamm, ein Zusammenschluss eher konservativer Geschäftsleute, befürchtete Zustände wie in einem vernachlässigten Asylbewerberheim. Ein ganz normales Hotel wollte das Transit tatsächlich nie werden. Berlin war vor 20 Jahren schließlich auch keine normale Stadt, in der man mal Urlaub machte. Darum hatten die drei Besitzer auch den betont ungemütlichen Namen »Transit« gewählt. Es sollte nach Autobahnraststätte, nach Durchreise, Transitabkommen und Grenzübergang klingen – und dann doch ein bisschen mehr bieten, als man sich darunter vorstellt. »Es gibt Hotels in Berlin, da ist mehr Schein als Sein«, meint Ulli Schleimer. »Hier ist es umgekehrt.«

Dann fiel die Mauer. Berlin wurde zum Reiseziel, »plötzlich kamen die aus aller Welt. Wir waren innerhalb weniger Tage ausgebucht.« Albert, der Schwabe an der Rezeption, erinnert sich, wie sie gerade die vierte Etage ausbauten – bis dahin hatte das Hotel sich auf den dritten Stock beschränkt –, als der frühere Pink-Floyd-Musiker Roger Waters das Konzert vor der Mauer gab. »Wir haben die Leute im leeren Saal auf dem Boden schlafen lassen, für einen Zehner, mit Frühstück.« Da hatte die Tabakmanufaktur Planta nebenan noch ihr Lager, und im vierten Stock warfen Moerke und Seidel schon früh am Morgen die Maschinen an, »was sich mit den Schlafgewohnheiten unserer Gäste nicht immer vereinbaren ließ«. Den meisten war das egal.

Das Jugendhotel war und ist etwas Besonderes. Heute hat jedes Zimmer seine Dusche. Aber ansonsten legt es die Hauseinrichtung noch immer nicht darauf an, ein Gefühl von Luxus oder Geborgenheit zu vermitteln: metallene Lampenschirme, Originalstücke aus der Schmiede im Tacheles in Mitte, abgeflexte Telefonzellen, ein Kondomautomat vor der weiß gekalkten Backsteinwand. Von den Zimmern aus schaut man durch große Fabrikfenster in den grauen Gewerbehof.

»Aber geschlafen hab ich fantastisch«, sagt der Gast Michael und schaut über die Kaffeetasse hinweg der jungen Frau nach, die barfuß über das Parkett des Saales schwebt, der morgens als Frühstücksraum, dann als Empfangshalle und nachts als Bar mit Sitzecke und Fernseher dient. Die Schwebende gehört zu einer Gruppe schwedischer Architekturstudenten, die an den Fenstern stehen und den Hinterhof mit seinen gelben und grünen Kacheln studieren.

Gegen freie Unterkunft möbelten Zimmermannslehrlinge die Tische auf

Michael ist oft in der Stadt, weil sein Vater, der gerade 95 geworden ist, hier lebt, und weil hier seit 1985 alle DFB-Pokal-Endspiele stattfinden. Und immer wohnt er dann im Transit. Morgens steht er gern am Tresen bei Albert und fachsimpelt über Maultaschen. »Weil die Küche in Berlin, das is ja nix. Aber Vogts Bierexpress! Die ganze Nacht! So was gibt’s bei uns nicht.« Michael kennt das Personal seit Jahren. Rosi aus der Küche ist schon von Anfang an dabei. Und Niko, Jazzmusiker aus Kirgisien, der nur ein bisschen dazuverdienen wollte, ist längst fest angestellt. Und dann ist da noch Gustav, der eigentlich Flugbegleiter ist, aber ab und zu mal in der Bar aushilft, weil er schon damals im Steps mit dabei war und sich hier immer noch zu Hause fühlt.

Es sind einige über das Steps ins Transit gekommen. Die Lateinamerikaner zum Beispiel, die sich unten am linken Stammtisch mit den Berlinern gegen die Konterrevolutionäre in Nicaragua verbrüderten, arbeiteten irgendwann auch oben im Transit. Später war dann mal eine laotisch-thailändische Phase. Das begann mit jemandem, der seinen Freund mitbrachte, der seinen Freund mitbrachte, der seinen Freund mitbrachte. Jetzt scheint sich eine afrikanische Phase anzubahnen.

»Langweilig ist es jedenfalls nie«, sagt Jörg Noll, der selbst ab und zu noch hinterm Tresen steht und die »Nachtunterhaltung für die Gäste« macht. Oder nach den jungen Männern sieht, wenn ihr Kreislauf den Kreuzberger Nächten nicht gewachsen ist. Schließlich ist er ja Arzt. Er erzählt von den wandernden Zimmermannslehrlingen, die drei Nächte umsonst schlafen durften, denen es aber so gut gefiel, dass sie sämtliche Tische im Frühstücksraum aufmöbelten, um länger bleiben zu können. Und von der Kapelle, die beim Einchecken in der schmucklosen Halle noch so irritiert war, aber zum Abschied im Hof ein Blaskonzert gab. Und von den Druckern aus dem ersten Stock, die gern nachts in die TransitBar kamen, während ihre Maschinen durchliefen. Einmal mussten sie hinterher eine komplette Auflage in die Mülltonne werfen. »Danach kamen sie seltener.«

Wer ein Hotel hat, kann etwas erzählen. Das ist vielleicht der Grund, warum Isa, Jörg und Ulli noch hier sind. Täglich. Seit 20 Jahren im Kollektiv. »Das muss uns erst mal einer nachmachen!« So ein Hotel wird irgendwann zum Lebensinhalt. Damit sie es immer im Auge behalten können, wohnen die drei auch gar nicht weit von hier: im Vorderhaus. Von dort haben sie Bar und Rezeption jederzeit im Blick.


Information

Hotel Transit , Hagelberger Straße 53–54, 10965 Berlin-Kreuzberg, Tel. 030/7890470. Doppelzimmer 72 Euro, 4-Bettzimmer 128 Euro

Die Zeit - #47 / 15.11.2007
© Hans W. Korfmann

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foto:  Michael Hughes
foto: © Michael Hughes