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Janis und die Fremde

 
 
foto:  Hans W. Korfmann
 

Das Imaret in der griechischen Hafenstadt Kavala ist ein märchenhaftes Anwesen aus Arkaden und Kuppeln und Innenhöfen. Wie aus 1001 Nacht klingt auch die Geschichte einer großen Leidenschaft, die sich hinter den alten Mauern zutrug

Von Hans W. Korfmann
Foto: Hans W. Korfmann für DIE ZEIT

Eine schmale Gasse führt zu den alten Häusern auf dem Felsen hinauf, der sich eindrucksvoll hinter dem Hafen der Stadt Kavala aufbäumt. Es ist still, nur das Klappern des Löffels ist zu hören, mit dem der Wirt eines Kafenions den Mokka für einen alten Mann anrührt, der jeden Tag um vier seinen Stock an den Haken hängt und sich stets auf denselben Stuhl setzt. Gegenüber dem Café zieht sich eine tonfarbene, hohe Mauer die Straße entlang. Schwere hölzerne Türen sind in das Mauerwerk eingelassen. Als das Imaret noch ein Armenhaus war, sollen sich diese Türen nur nach geheimsten Klopfzeichen geöffnet haben. Heute hat hier jeder Eintritt, der Sinn fürs Schöne und auch ein bisschen Geld mitbringt, denn dieses märchenhafte Anwesen aus Arkaden und Kuppeln und Innenhöfen ist das vielleicht schönste Hotel Griechenlands. Und ein Haus, in dem sich eine eigenwillige Liebesgeschichte zugetragen hat.

Hat man hinter der Mauer die gläserne Eingangstür des Hotels passiert, steht man in einer kargen Lobby – kleiner Empfangstresen und ein paar mit Samtstoffen gepolsterte Sessel. An der Rückseite der Lobby führt ein Arkadengang über den ersten Innenhof. Das leise Plätschern eines Brunnens ist zu hören, der Duft von Orangenblüten erfüllt die Luft. Rund und weiblich sind die Fensterbögen und Durchgänge, selbst die Stufen der steinernen Treppen haben im Laufe der Jahrhunderte ihre strengen Geraden verloren und liegen da wie die Sichel des Neumondes. Das Imaret ist ein Stück Orient mitten im orthodoxen Griechenland.

Mohammed Ali Pascha ließ das Gebäude im Jahre 1719 bauen, zunächst als Moschee und Schule. Mohammed war der Sohn eines Tabakhändlers aus Kavala, der später Vizekönig von Ägypten wurde, weshalb das Imaret noch immer in Ägyptens Besitz ist. Jahrelang dauerten die Verhandlungen mit der Regierung in Kairo, bis Ana Missirian das verfallene Gebäude pachten und renovieren und es 2002 als Hotel eröffnen konnte. »Man muss ein bisschen verrückt sein, um so etwas zu machen«, sagt Ana Missirian. Die Hotelchefin – schwarzes Haar, geblümtes Kleid – sitzt mit einem knallbunten Papagei und einem Hündchen auf dem Schoß in ihrem Büro und blickt auf die kleinen, glänzenden Dachkuppeln aus Blei, die sich über den Kammern wölben, in denen einst die Koranschüler schliefen. Heute wohnen darin die Hotelgäste. Es sind so viele Kuppeln, dass sie den Anschein einer Stadt erwecken, in der sich Moschee an Moschee reiht. Und die Kaminschlote mit den geschwungenen Fenstern ihrer Rauchabzüge, die überall aus den Zimmern ragen, sehen aus wie winzige Minarette.

Ana Missirian führt den Gast durch den ersten Hof mit den akkurat frisierten Orangenbäumen, die sich schnurgerade vor den Arkaden aufreihen. Geschäftsmänner und Reisegruppen sind in diesem Hotel unvorstellbar. In einer Ecke sitzt ein Paar an einem Marmortisch und unterhält sich leise, ein anderer Gast läuft mit einem kleinen Bleistift hinter dem Ohr und einem Notizbuch in der Hand murmelnd die Arkaden auf und ab. Ein Schriftsteller aus England, flüstert Ana Missirian und erzählt, dass sie als kleines Mädchen zum ersten Mal ins Imaret kam. Es war Weihnachten, und sie sollte den Fischern, die auf den Booten ihres Vaters arbeiteten und im Armenhaus wohnten, Orangen und Hähnchenfleisch bringen. »Ich weiß noch genau, welches Kleid ich anhatte und dass es eng war in den Zimmern. Aber ordentlich und sauber, und die Menschen waren nett.« Jahre später verkam das ehrwürdige Gebäude zu einer Absteige, in Kavala erzählte man sich schauerliche Anekdoten über das Imaret, man flüsterte von Opium- und Räuberhöhlen und von Mädchen, die sich nächtens hier ihr Geld verdienten. Dass Ana Missirian immer wieder hierherkam und durch die Ritzen in den Türen des Armenhauses spähte, lag an der Geschichte, die ihr ihre Mutter erzählt hatte. »Sie handelt von meinem Großonkel Janis«, sagt Ana Missirian, »es ist die Geschichte einer Flucht, aber genauso ist es die Geschichte einer großen Liebe.« Und was hat das mit dem Imaret zu tun? »Das erzähle ich Ihnen morgen«, sagt die Hotelchefin und wünscht dem Gast eine gute Nacht.

Das Imaret ist kein Ort zum Schlafen, sondern ein Ort zum Träumen. Schlicht und klein sind die meisten Zimmer: ein Bett, zwei Stühle und ein Tisch. Ein einziges Fenster ist in die meterdicke Wand gehauen. Es gibt keinen Fernseher, keinen Computer, keine Minibar. Nur eine Flasche klares Wasser steht für den Gast bereit. Das einfallende Licht wird gedämpft durch die Schleier der elfenbeinfarbenen Gardinen. Gardinen aus jenem feinen, anschmiegsamen Stoff, aus dem einst die Schleier orientalischer Konkubinen gewebt wurden. Die Wände sind nackt und kahl, und der Mond wirft sein Licht auf ein großes Bett mit Tüchern aus ägyptischem Leinen. Darauf liegt ein Buch. Aufgeschlagen ist eine Geschichte aus 1001 Nacht: »Wir spielten und scherzten und vergnügten uns, wir aßen und tranken, bis die Nacht einbrach. Da stand ich auf, zündete die Wachskerze an, reichte ihm süße Speisen, und so aßen und unterhielten wir uns wieder, bis wir zu Bett gingen. So lebten wir Tag und Nacht; ich gewöhnte mich so sehr an ihn, dass ich meinen Kummer und alles, was mir begegnet war, vergaß, und die Liebe zu ihm bemächtigte sich meines Herzens.«

Am nächsten Morgen sitzt Ana Missirian im sogenannten Wasserhof unter einer alten, von einer Winde umschlungenen Zypresse. In einem großen Bassin schimmert das Wasser in zartem Blau. »Janis«, sagt Ana Missirian und greift dabei zu ihrer Tasse Tee, »hat hier im Wasserhof gewohnt.« Ihr Großonkel war mit seiner Mutter und seinen Geschwistern im Herbst 1922 aus Smyrna, dem heutigen Izmir, geflohen. Die Stadt stand in Flammen, 40.000 Menschen waren während der Kämpfe zwischen Türken und Griechen bereits ums Leben gekommen. Die Familie saß mit anderen Flüchtlingen auf einer kleinen Barke und kenterte. Von Fischern wurden sie aus dem Wasser gezogen, auch ein Mädchen namens Maria konnte gerettet werden. »Sie hatte sich in den vielen Röcken von Janis’ Mutter verfangen«, erzählt Ana Missirian, »ihre eigene Mutter war ertrunken.« Die Familie nahm das Kind mit. Wie andere Griechen landeten sie im Imaret, wo sie zwei Zimmer im Wasserhof bewohnten. Janis’ Mutter war von Maria ganz angetan und versprach ihr Janis als Mann. Die beiden heirateten tatsächlich, Kinder wurden geboren.

Das ist die Liebesgeschichte des Imaret?

»Ja, aber es geht noch weiter«, sagt Ana Missirian, und während sie mit dem Gast den Wasserhof verlässt und den Tunnel zum Orangenhof passiert, fährt sie fort: »Hier im Tunnel gab es damals eine verschlossene Tür, und trotzdem hat es Janis immer wieder zum Orangenhof geschafft.«

Was hat er dort gemacht?

»Sehen Sie«, sagt Ana Missirian und zeigt auf ein Zimmer im ersten Stock des Orangenhofes mit vielen Fenstern, von denen zwei aufs Meer blicken. Wie ein windiges Nest hängt es über dem Hafen von Kavala, der einst voller Segler und Dampfer war, die Tabak in die ganze Welt verschifften. »Dort oben über der Nummer 7 hat eine Frau gewohnt – es war Janis’ große Liebe. Keine Mauer, keine Tür und keine wachsame Ehefrau konnten ihn aufhalten, um zu ihr zu gelangen.« Selbst als Janis mit Maria und den Kindern fortgezogen war, soll er immer wieder ins Armenhaus zurückgekehrt sein, sich durch den Hof geschlichen haben, um in das Zimmer über dem Meer zu gelangen, in dem heute die Bettwäsche für die Gäste gebügelt wird. Und immer wenn Maria spürte, dass er über die abgetretenen Stufen zum Zimmer der Fremden hinaufstieg, soll sie vor Wut sämtliches Geschirr im Haus zerschlagen haben, sodass man im ganzen Ort davon sprach.

Wer die geheimnisvolle Frau war und was aus ihr geworden ist, weiß Ana Missirian nicht. Sie weiß nur, dass diese Geschichte ihre Liebe zum Imaret nur noch verstärkt hat. Irgendwann wird diese Episode ganz vergessen sein. Aber längst ranken sich neue Geschichten um das Haus hinter den Mauern. Längst munkelt man von verschleierten Frauen und von Männern, die auf der Suche nach einer aufregenden Nacht das Hotel entdeckt haben. Wie im Märchenbuch.


Information

Imaret Hotel, 30–32 Th. Poulidou Street, GR-65110 Kavala, Griechenland, Tel. 0030-2510/620151, www.imaret.gr, Domzimmer 360 Euro, Suiten ab 440 Euro

Die Zeit - 2009
© Hans W. Korfmann

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